Der Strommarkt schreibt gerade ein neues Drehbuch. Und wer als Betreiber einer Freiflächen-Photovoltaikanlage noch immer davon ausgeht, dass die Erzeugungsmenge allein den Business Case trägt, wird unsanft erwachen. In einem spannenden Seminar, organisiert vom pv magazine, sprach der Experte Filip Markert von e2m zu den Preisentwicklungen im Strommarkt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der Monatsmarktwert für Solarstrom liegt aktuell bei gerade mal 1,3 Cent pro Kilowattstunde. Das haben die Direktvermarktungsexperten von e2m aus Leipzig ausgerechnet. Auch der Jahresmarktwert, also der gewichtete Durchschnittspreis, den eine PV-Anlage über ein ganzes Jahr erzielt, ist unter massiven Druck geraten: Lag die Solarstromerzeugung 2023 noch bei etwa 76 Prozent des durchschnittlichen Börsenpreises, sind es mittlerweile nur noch rund 50 Prozent. Ein Einbruch, der direkt in den Betriebsergebnissen sichtbar wird.
Die Ursache liegt in der Physik des Strommarkts. Immer häufiger gibt es Tage, an denen die Photovoltaik allein für die Stromversorgung in Deutschland verantwortlich ist. Die Folge: massive Überangebote zur Mittags- und Nachmittagsspitze. Genau dann, wenn die Sonne am stärksten scheint und am meisten Solarstrom ins Netz fließt, bricht der Day-Ahead-Marktpreis ein. An besonders sonnigen Tagen sinkt er sogar ins Negative ab.
Großtechnische Batteriespeicher können Strom im Megawattbereich aufnehmen und zeitversetzt wieder abgeben. Das erhöht den möglichen Erlös an den Strombörsen.
Das ist das zentrale Problem. Eine Freiflächen-PV-Anlage produziert genau dann viel, wenn der Strommarkt ein Überangebot hat, und wird dafür bestraft. Umgekehrt sind die Strompreise abends hoch, wenn die Sonne untergeht und die Nachfrage steigt. Hier liegt das ökonomische Potenzial, das bisher ungenutzt bleibt.
Flexibilität und Batteriespeicher als neue Geheimwaffen
Neue Freiflächen-Photovoltaikanlagen werden daher längst nicht mehr als reine Erzeugungsanlagen geplant. Die Maxime „keine neue Freiflächen-PV ohne Speicher“ ist in der Branche bereits aus gutem Grund Standard geworden. Und die gleiche Logik sollte auch auf bestehende Anlagen übertragen werden.
Batteriegroßspeicher (BESS) wandeln das Problem in eine Chance um: Die Solaranlage speist am Mittag nicht direkt ins Netz ein, sondern lädt eine Batterie. Diese kann den Strom später, zu besseren Preisen, wieder abgeben, typischerweise abends, wenn die Preise in der Regel drei- bis viermal höher sind als tagsüber.
Technisch ist das realisierbar. Intelligente Steuerungssysteme, die sogenannten Co-Location-Setups, nutzen Echtzeit-Preissignale von der EPEX. Die Batterie wird geladen, wenn der Spotmarktpreis niedrig ist oder negativ wird. Sie wird entladen, wenn die Preise anziehen. Das Speicherniveau wird dabei kontinuierlich mit den Intraday-Preisen und der Wettervorhersage abgeglichen.
Das Ergebnis ist beeindruckend. Laut Praxisbeispielen aus aktuellen Marktanalysen können Co-Location-Systeme das Ertragspotenzial um bis zu 250 Prozent erhöhen, nicht durch mehr Produktion, sondern durch bessere Vermarktung. Der Schlüssel ist dabei nicht die Kilowattstunde selbst, sondern der richtige Zeitpunkt ihres Verkaufs.
Von der Anlage zum Handelsinstrument
Hier offenbart sich ein tiefgreifender Paradigmenwechsel. Das Business Model ist nicht mehr ein „PV-Anlagen-Case“, wie ihn klassische Entwickler verstehen. Es ist ein „Trading-Speicher-Case“. Die Photovoltaik wird zum Rohstofflieferanten, die Batterie zum aktiven Marktakteur.
Das bedeutet auch: Allokationsentscheidungen zwischen Produktion und Speicher werden zu komplexen Planungshorizonten. Laden oder nicht laden? Jetzt abgeben oder noch warten? Diese Entscheidungen hängen von Dutzenden Variablen ab, vom Ladezustand über die Wettervorhersage und Intraday-Preiskurven bis zu Regelenergiepreisen und häufig sogar der Prognose der Bundesnetzagentur für den nächsten Tag.
Die Alternative zu dieser aktiven Steuerung ist die sogenannte Spotmarktbeteiligung mit Abschaltung. Der Betreiber verzichtet auf die Marktprämie und erhält stattdessen den Spotmarktpreis, wird aber bei Preisspitzen automatisch abgeschaltet. Das verringert die Überproduktion in den Preissenken und führt zu besseren Durchschnittswerten. Es ist zugegeben weniger spektakulär als die 250-Prozent-Ertragssteigerung durch Co-Location, aber deutlich einfacher zu handhaben.
Das Entscheidende ist: Dieser Wandel ist nicht optional. Wer Freiflächen-PV nur als klassische Erzeugungsanlage betreibt, wird zusehends an den Rand des wirtschaftlich Tragbaren gedrängt. Die Spreads zwischen Mittags- und Abendpreisen wachsen, die Überkapazitäten nehmen zu, und die Monatsmarktwerte fallen weiter.
Die technische Grundlage: vertikale Datenintegration
Damit dieses Modell in der Praxis funktioniert, braucht es jedoch mehr als eine smarte Batterie. Die Komplexität der Entscheidungen wie „Laden oder nicht laden“, „Entladung zur Mittagsspitze oder zum Abend“ oder „Vorhersage von Produktionsspitzen“ erfordert eine Datenplattform, die alle Quellen in Echtzeit zusammenführt: Börsenpreise von der EPEX, Wetterprognosen, Batterie-Telemetrie, Netzfrequenzen.
Nur mit vertikaler Datenintegration entsteht aus diesen Rohsignalen eine Entscheidungsgrundlage, auf der automatisierte Trading-Logik basieren kann. Gleichzeitig ermöglicht Predictive Maintenance auf der Batterie proaktive Optimierung statt reaktiver Ausfallbewältigung. Das ist der Unterschied zwischen intelligentem Co-Location und Hoffnungswirtschaft.
Batteriespeicher waren lange die Antwort auf Netzstabilität und Versorgungssicherheit. Sie werden nun zur Antwort auf Flexibilisierung als Pure-Play-Geschäftsmodell. Und für bestehende Anlagen im Bestand ist das eine zweite Lebenschance, vorausgesetzt, Betreiber und Entwickler verstehen und akzeptieren die neue Spielregel.
Die wichtigsten Begriffe im Überblick
BESS (Battery Energy Storage System)
Großtechnischer Batteriespeicher, der Strom im Megawattbereich aufnehmen und zeitversetzt wieder abgeben kann. Im PV-Kontext das zentrale Element, um Erzeugung und Verkauf zeitlich zu entkoppeln.
Co-Location
Die Kombination von Erzeugungsanlage und Batteriespeicher an einem Standort, in der Regel hinter einem gemeinsamen Netzanschlusspunkt. Vorteile sind gemeinsame Infrastruktur, Netzanschluss und Steuerung. Erst die gemeinsame Betriebsführung macht aus zwei Anlagen ein vermarktbares Gesamtsystem.
Direktvermarktung
Der Verkauf des erzeugten Stroms über einen Direktvermarkter an der Börse, anstatt über eine feste Einspeisevergütung. Der Anlagenbetreiber erhält den Börsenerlös und, im geförderten Fall, zusätzlich die Marktprämie als Differenz zum anzulegenden Wert.
Marktwert (Monats- und Jahresmarktwert)
Der mengengewichtete durchschnittliche Börsenpreis, den eine Technologie in einem Monat oder Jahr tatsächlich erzielt. Weil Solaranlagen alle gleichzeitig einspeisen, liegt der Solarmarktwert systematisch unter dem allgemeinen Durchschnittspreis. Er ist zugleich die Rechengröße für die Marktprämie.
Day-Ahead-Markt
Der Handel für den Folgetag, abgewickelt in einer täglichen Auktion mit stunden- und viertelstundenscharfen Produkten. Der hier gebildete Preis ist die zentrale Referenz für Erlöse, Marktwerte und negative Preisstunden.
Spotmarkt und Intraday-Handel
Der Spotmarkt umfasst den kurzfristigen Stromhandel, also Day-Ahead und Intraday. Im Intraday-Handel wird bis wenige Minuten vor Lieferung fortlaufend gehandelt. Genau dieses Zeitfenster nutzt ein Speicher, um auf Prognoseabweichungen und Preissprünge zu reagieren.
EPEX SPOT
Die europäische Strombörse für den kurzfristigen Handel, an der unter anderem das deutsche Marktgebiet gehandelt wird. Ihre Preissignale sind die Eingangsgröße für jede automatisierte Lade- und Entladeentscheidung.
Datenintegration
Die Zusammenführung von Daten aus unterschiedlichen Quellen in ein konsistentes, zeitlich synchronisiertes Modell. Vertikal bedeutet dabei: von der Sensorik der Anlage bis zum Marktsignal. Ohne diese Ebene bleiben Preis-, Wetter- und Anlagendaten getrennte Silos und damit nicht handelbar.
Predictive Maintenance
Wartung auf Basis von Zustands- und Telemetriedaten sowie darauf trainierten Modellen, die einen Ausfall vorhersagen, bevor er eintritt. Bei Batteriespeichern betrifft das insbesondere Degradation, Thermik und Zellzustände, also genau die Größen, die über Verfügbarkeit im Handel entscheiden.
Über control-f. Die control-f GmbH ist ein werteorientiertes KI-Unternehmen mit Sitz in Konstanz. Seit 2022 entwickelt die Datenboutique Big-Data-Plattformen für industrielle Telemetriedaten und unterstützt Unternehmen im deutschsprachigen Raum dabei, komplexe Datenlandschaften nutzbar zu machen. Zu den Kunden gehören Konzerne und Mittelständler aus den Bereichen Anlagenbau, Automotive und Energiewirtschaft. Die Geschäftsführer Simon Deussen (Machine Learning Engineer und Gründer) und Daniel Tremer (ehemals Specialist Data Science & AI Projects bei Porsche AG) legen dabei ihren Fokus auf den Aufbau stabiler Datenarchitekturen als Grundlage für Analyse, Softwarelösungen und KI-Anwendungen wie Predictive Maintenance.